Rezension – AS Verlag / Roger Schäli: Passion Eiger – legendäre Routen damals und heute

von | 31. August 2021 | Allgemein, Interviews und Potraits, Outdoornews

Neben dem Matterhorn zählt die Eiger Nordwand wohl zu den wichtigsten Wahrzeichen der Schweiz, bei denen die Herzen von Alpinisten aus aller Welt definitiv höher schlagen. Natürlich denkt man in erster Linie an die großen Dramen des frühen 20. Jahrhunderts, als sich diverse Bergsportler an die Erstbesteigung heranwagten und so mancher davon dieses Vorhaben mit dem Leben bezahlte. Ein Wettlauf europäischer Spitzenalpinisten, der es nicht nur in zahlreiche Sachbücher, sondern sogar bis auf die große Kinoleinwand schaffen sollte. Doch nach der erfolgreichen Durchsteigung der rund 1.800 Meter emporragenden Nordwand im Jahr 1938 durch die Vierer­seilschaft mit Anderl Heckmair, Heinrich Harrer, Ludwig Vörg und Fritz Kasparek war es schnell ruhig geworden. Um die Lücke rund um die darauffolgenden Jahre zu schließen und weitere Besteigungsversuche über alternative Routen gebührend zu dokumentieren, ist im AS Verlag ein Buch erschienen. Mit „Passion Eiger – legendäre Routen damals und heute“ werden nicht nur die Entwicklungen am Eiger seit den 1960er Jahren portraitiert, sondern setzt sich der Co-Autor und Kletterprofi Roger Schäli ein eigenes literarisches Denkmal.

Die komplette Besteigungsgeschichte der wohl bekanntesten Nordwand von Europa

Bereits lange vor der erfolgreichen Durchsteigung im Jahr 1938 versuchten sich zahlreiche Alpinisten an der Eiger Nordwand, deren Mythos als kaum bezwingbare „Mordwand“ weltweit für Begehrlichkeiten sorgte – auch in politischer Hinsicht. Zu den wohl bekanntesten Fehlversuchen zählte dabei die Tragödie um die beiden verunglückten Ketterer Toni Kurz aus Berchtesgaden und Andreas Hinterstoißer. Ein Drama, das im Film „Nordwand“ den Weg auf die große Kinoleinwand fand und die alpinistischen Schwierigkeiten der damaligen Zeit beeindruckend portraitierte. Doch nach der, vor allem von den Nationalsozialisten, gefeierten Erstdurchsteigung im Jahr 1938 wurde es mehr oder weniger still um die 1.800 Meter hohe Steilflanke am Fuße des Dreigestirns Eiger, Mönch und Jungfrau. Dabei gab es auch danach spektakuläre Erstbegehungen, zwar „nur“ über neu eröffnete Routen, aber dafür nicht minder herausfordend.

Einer, dessen eigene Lebensgeschichte maßgeblich von der Eiger Nordwand geprägt wurde, ist der Profi-Alpinist und Kletter-Profi Roger Schäli. Kaum ein anderer ist so eng verbunden mit dem felsigen Gestein der Berner Alpen, das sich oberhalb der Ortschaft Kleine Scheidegg in den Himmel erhebt. So kann der Schweizer mittlerweile nicht nur zahlreiche Erstbegehungen und Neueröffnungen an den Gipfeln dieser Welt für sich verbuchen. Auch spektakuläre Wiederholungen und Rekorde gehen auf das Konto des sympatischen Klettersportlers. So gelang ihm 2008 zum Beispiel ein Seilschaftsrekord, als er zusammen mit Simon Anthamatten in 6 Stunden und 50 Minuten durch die Nordwand stieg. Nur ein Jahr später meisterte er gemeinsam mit Robert Jasper die erste freie Begehung der Japaner-Direttissima. Im Februar 2011 unterbot Roger Schäli mit dem Südtiroler Simon Gietl die bis dato gültige Bestzeit (5 Stunden und 3 Minuten) von Ueli Steck und Bruno Schläppi um 38 Minuten. Fehlt nur noch die erfolgreiche Wiederholung der im Jahr 1991 von Jeff Lowe im Alleingang und ohne Bohrhaken eröffneten Nordwandroute „Métanoïa“, als er 2016 in einer Dreierseilschaft mit Thomas Huber und Stephan Siegrist in die Wand einstieg. Viele weitere Erfolgen gehen auf das Konto des Schweizers, genauso wie zahlreiche andere Projekte, die über die unterschiedlichsten Routen realisiert wurden.

Das Sachbuch „Passion Eiger – legendäre Routen damals und heute“ verbindet diese neuesten Ereignise an und in der Eiger Nordwand mit den Schilderungen über das einstige goldene Zeitalter (1966-1991: John-Harlin-Route, Japaner-Route, Tschechenpfeiler, Piola-Ghilini, Jeff Lowe …). Und setzt damit die Aktivitäten Roger Schälis in einen unmittelbaren Vergleich zu den einstigen Glanztaten der Prioniere. Beschrieben werden Grenzgänge, Dramen und Triumphe von monatelangen Nordwand-Expeditionen, atemberaubenden Freikletterrouten und bahnbrechenden Alleingängen. Auf nahezu 300 Seiten wird so eine einmalige Kombination aus persönlichen Erlebnissen, historischen Berichten und Porträts geschaffen, die so spannend wie ein Krimi und so informativ wie ein Sachbuch sein soll.

Das Fazit von Veit: Almanach von einer der liebenswertesten „Kräuterhexen“ aus München

Wer Roger Schäli einmal persönlich kennenlernen durfte, weiß worauf es dem im luzernischen Sörenberg geborenen und ausgebildeten Schreiner wirklich ankommt: Klettern und Freisein. Mit seinem verschmitzten Lächeln und dem muskelbepackten Astralkörper gelingt es dem Schweizer, selbst schwierigste Routen mit einer federhaften Liechtigkeit zu meistern. Sobald das Thema auf die Eiger Nordwand kommt, beginnen seine Augen zu strahlen und das Schwärmen findet kaum ein Ende. Laut eigener Aussage ist der LOWA PRO Team Athlet regelmäßig allein in der Nordwand unterwegs, um sich ein Biwakplätzchen einzurichten und die nötige Ruhe vom stressigen Alltag zu finden.

Und so wie Roger Schäli über seine eigenen Touren berichtet, mit so viel Emotionen und Leidenschaft dokumentieren auch die beiden Autoren Rainer Rettner und Jochen Hemmleb die historischen Ereignisse in chronologischer Abfolge. Insgesamt 30 Routen sind es, welchen sich die Verfasser neben der Heckmaier-Klassiker auf den rund 300 Seiten widmen – sei es mit sachlichen Fakten oder spannenden Geschichten rund um deren Begeher. Egal ob John-Harlin-Route, Japaner-Direttissima oder andere Varianten, alle finden ihren Platz zwischen den Buchdeckeln des Hardcovers. Gut recherchiert und ergänzt durch Aufnahmen sowie Perspektiven von Roger Schäli, der die Eiger Nordwand durchaus sein zweites Zuhause nennen kann. Abgerundet wird das alles durch zahlreiche Portraits herausstechender Kletterer, wie etwa Jeff Lowe, Michel Piola und andere sowie zahlreiche Bilder vergangener und aktueller Expeditionen.

Über den Alpinisten Roger Schäli und die Autoren Rainer Retten und Jochen Hemmleb

Roger Schäli (*1978) zählt zu einem der bekanntesten und profiliertesten Schweizer Alpinisten der Gegenwart. Und gilt obendrein als bester Kenner der Eiger-Nordwand, kann der Kletterprofi doch mehr als 50 Durchstiege auf über 20 verschiedenen Routen vorweisen – auch als Bergführer an der Seite seiner Gäste. Dazu gehören die ersten freien Begehungen der John-Harlin-Route (Winterdirettissima) und der Japanerroute (Sommerdirettissima), die Erstbegehung der bislang schwierigsten Eiger-Nordwand-Route Odyssee, die Erstbegehung der Freikletterroute Magic Mushroom und die zweitschnellste Seilschaftsbegehung der klassischen Heckmair-Route in knapp viereinhalb Stunden.

Rainer Rettner (*1967) lebt in der Nähe von Würzburg und recherchiert seit vielen Jahren zur Geschichte der Eiger-Nordwand. Er besitzt das größte Privatarchiv zu dieser Thematik und wirkte bei zahlreichen Film- und Buchprojekten mit. Im AS Verlag veröffentlichte er die Bücher «Corti-Drama. Tod und Rettung am Eiger» (mit Daniel Anker), «Eiger – Triumphe und Tragödien 1932-1938» sowie «Wettlauf um die großen Nordwände».

Jochen Hemmleb (*1971) lebt in Lana bei Meran in Südtirol und arbeitet seit über 20 Jahren als Autor, Filmschaffender und Übersetzer im Bereich Bergsteigen und Alpingeschichte. Bekannt wurde er als Mitinitiator und Teilnehmer der «Mallory & Irvine Research Expedition» 1999, die den 1924 am Mount Everest verschollenen Himalaya- Pionier George Mallory fand. Über den Eiger veröffentlichte er im AS Verlag das Buch «Eiger Extrem» (mit Peter & Leni Gillman).

Die Details:
Titel:
Roger Schäli. Passion Eiger – legendäre Routen damals und heute
Verlag: AS Verlag, 1. Auflage 2020
Autor: Rainer Rettner, Jochen Hemmleb
Inhalt: 296 Seiten, Hardcover mit 175 Motiven
ISBN: 978-3-517-09974-3
Preis: 20,- Euro | 20,60 Euro in Österreich | CHF 34,90 in der Schweiz

*Hinweis der Redaktion zur Kennzeichnungspflicht: Die hier getesteten bzw. vorgestellten Produkte wurden uns vom jeweiligen Hersteller kostenlos zur Verfügung gestellt. Über den Produktwert hinaus flossen keine weiteren Zahlungen oder Gegenleistungen. Das Urteil der Redaktion ist dennoch unabhängig und die spezifischen Marken haben keinerlei Einfluss auf die Inhalte des Testberichts.