Rezension – millemari. Verlag / Thomas Käsbohrer: Der Einsatz meines Lebens – Bergretter erzählen über ihre bewegendsten Erlebnisse

von | 16. März 2022 | Allgemein, Testberichte_neu

Jeder Bergretter trägt eine Geschichte mit sich, die er oder sie nicht mehr vergessen kann. Denn auch die Rettungskräfte sind nur Menschen und müssen mit dem Erlebten irgendwie klarkommen – unabhängig davon, ob es nun positiv oder negativ konnotiert ist. Dem einen gelingt es besser, dem anderen schlechter. Was bleibt, sind in jedem Fall bewegende Erfahrungen, die nur in den seltensten Fällen mit einer größeren Öffentlichkeit geteilt werden. Dabei sind es gerade jene Momente, die den Reiz der gemeinnützigen Arbeit der Bergretter ausmachen und die zugleich das Leben aller an einem Bergunfall beteiligten Personen auf den Kopf stellen können. Der Autor Thomas Käsbohrer hat genau diese Momente zu Papier gebracht und die zum Teil nur schwer ertragbaren Erfahrungen der Bergretter niedergeschrieben. Und das bereits zum zweiten Mal. Denn nachdem im Jahr 2019 sein Buch mit dem Titel: „AM BERG. Bergretter über ihre dramatischsten Stunden“auf überaus positive Ressonanz gestoßen war, folgte nur zwei Jahre später quasi eine Fortsetzung der dramatischen Erlebnisse. Wir haben das jüngst im millemari Verlag veröffentlichte Werk „Der Einsatz meines Lebens. Bergretter erzählen.“ gelesen und waren emotional tief berührt.

Bergwacht Bayern: 20 Berge, 20 Menschen und 20 Geschichten.

Menschen, die am Berg ihr Leben für andere einsetzen, erzählen nur selten die Geschichte dieses EINEN Einsatzes, den sie nicht vergessen können. Thomas Käsbohrer ist es dennoch gelungen, einigen der selbstlosen Hilfs- und Rettungskräfte jene Erinnerungen zu entlocken, die deren gesamtes Leben geprägt haben. Spektakuläre Geschichten aufwändiger Rettungsaktionen in ausgesetztem Gelände, bei Vermisstensuchen, Abstürzen oder der Rettung Blockierter an Watzmann, Zugspitze und Hochvogel. Aber auch leise Geschichten, die Jahrzehnte zurückliegen und die Beteiligten und ihre Bereitschaft bis heute im Kopf geblieben sind. Nachdem der Autor einige davon bereits in seinem ersten Werk auf beeindruckende Weise festgehalten hat, folgt zwei Jahre später ein zweites Buch über die Erlebnisse von Bergwacht-Mitgliedern. Auch diesmal hat der Autor die teils sehr intimen Gespräche über deren Arbeit und ihr Leben niedergeschrieben und die Geschichten von Freiheit, Abenteuer und Leid zusammengetragen. Aber auch vom Verwurzelt-Sein und von der ungeheuren Kraft des Zusammenhaltes, den Menschen entwickeln, wenn sie in Extremsituationen aufeinander angewiesen sind. Und von der Auseinandersetzung des Menschen mit einer überlegenen und gleichgültigen Natur, in der er immer wieder von Neuem lernen muss zu überleben.

Geschichten über eine junge Bergwachtlerin, deren erster Einsatz sie zu einem Lawinenopfer führt – einem Kollegen, der an diesem Tag seinen ersten Tag als Pensionär feiern wollte und eine vermeintlich falsche Entscheidung getroffen hatte. Oder die von einem jungen Amerikaner, dessen Schicksal bis heute einen Bergwachtler und seine Bereitschaft bewegt. Oder von einem jungen Rettungsassistenten, in dessen Armen eine Klettersportlerin verstarb. Alles Einsätze, die keiner so schnell mehr vergisst und die ein Leben lang nachwirken. Dem Autor gelingt es, all diese Momente intensiv nachzuerzählen, ohne dabei die ehrenamtliche Arbeit der Bergwacht unnötig zu heroisieren. Geschichten, die versuchen, all die glücklichen, aber auch dramatischen Wendungen am Berg in Worte zu fassen.

Erzählungen, die uns „Normalos“ die teils unfassbaren, körperlichen wie auch seelischen Belastungen vermitteln sollen, um den Menschen hinter dem Begriff „Bergretter“ ein Gesicht zu geben. Menschen, die in ihrer Freizeit größte Risiken in Kauf nehmen, um andere zu retten und aus misslichen Notlagen zu befreien. Jenseits aller Klischees versucht „DER EINSATZ MEINES LEBENS“ verschiedenste Erfahrungen und Augenblicke zu portraitieren, ohne dabei sensationsheischend zu sein. Ein Buch, in dem Bayerns Berge und Menschen lebendig werden – und in dem Thomas Käsbohrer in Experteninterviews der Spur der Fehler folgt, die uns am Berg manchmal in die Irre führen. Ein Buch, das in enger Zusammenarbeit mit der Bergwacht Bayern entstand und dessen Reinerlöse beim Verkauf zu 25% an die Bergwacht gespendet werden.

Über den Autor und Chronisten Thomas Käsbohrer

Nach dem abrupten Ende seiner beruflichen Karriere ändert Thomas Käsbohrer seine Route und steigt auf sein kleines Segelboot LEVJE, mit dem er die Küsten Europas bereist. Vom Manager zum „Kapitän im Wörtermeer“ lautet der damalige Artikel in der Süddeutsche Zeitung. Seitdem versteht es der Journalist und Historiker auf einzigartige Weise, Geschichte und Geschichten zu verweben und hat sich als Chronist unerzählter Leben einen Namen gemacht. Während seiner Reisen entstand so der Blog marepiu.blogspot.de – einer der meistgelesenen Segel- und Reiseblogs im deutschsprachigen Raum.

© millemari Verlag / S. GUIDERA

Zudem erscheinen seine Bücher und Filme, darunter „STURM. Segler über ihre dramatischsten Stunden.“ im kleinen Münchner Verlag für Reiseliteratur millemari. 2018 erschien zudem der Titel „DIE VERGESSENEN INSELN. Eine Reise durch die Geschichte der Welt“ in Europas größtem Belletristikverlag Penguin/Random House. „AM BERG“ versammelte 2019 erstmals die dramatischen Geschichten von Bergrettern der Bayerischen Bergwacht, das nur zwei Jahre später mit „Der Einsatz meines Lebens. Bergretter erzählen.“ eine Fortsetzung findet.

Das Fazit von Veit: Fesselnd, berührend und menschlich – ein ungemein wichtiges Werk, um die ehrenamtliche Arbeit gebührend zu honorieren.

Als Bergsportler sollte man sich der Risiken des eigenen Hobbies jederzeit bewusst sein. Denn wer überheblich oder unaufmerksam wird, den holt die Realität der Naturgewalten schneller ein, als einem lieb ist. Was es heißt, an einem langen Seil aus einer vereisten Bergflanke ausgeflogen und nochmal mit einem „blauen Auge“ davon gekommen zu sein, kann ich aus eigener Erfahrung berichten. Aber genauso habe ich auch die Perspektive des Bergretters übernommen, als ich einen von einer Lawine verschütteten Skifahrer mit bloßen Händen ausgegraben habe und leider nicht retten konnte. Einer jener Momente, den ich wohl mein ganzes Leben lang nicht mehr vergessen werde und mich bis heute mit einem mulmigen Gefühl in steiles Wintergelände einsteigen lässt. Aber auch ganz andere Augenblicke haben sich tief ins Gedächtnis eingebrannt. Erinnerungen, die zu gegebener Zeit immer wieder aufploppen und sowohl traurig machen als auch nachdenklich stimmen. Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb ich die einzelnen Geschichten nur Stück für Stück lesen konnte. Weil jede einzelne davon intensive Gefühle in mir ausgelöst und Gänsehaut verursacht haben.

Auf beeindruckende Weise gelingt es dem Autor, die Erlebnisse und Gefühle aus nächster Nähe zu schildern, ohne den daran beteiligten Personen zu nahe zu treten. Als würde man den Worten der erzählenden Bergretter im persönlichen Gespräch lauschen können. So baut man als Leser ganz unbewusst eine kurze, aber dennoch intensive und emotionale Bindung zur jeweils erzählenden Person auf. Man muss teilweise sogar förmlich aufpassen, dass man nicht zu sehr die Bilder im Kopf behält. Denn mitunter sind es Momentaufnahmen, die je nach eigener Erfahrung überaus schmerzvoll sein können. Aber genauso auch Hoffnung bereiten, dass die Geschichte doch gut ausgehen muss. Heißt konkret, man leidet und freut sich regelrecht mit und verliert mitunter das Gespür für Raum und Zeit. Das gilt vor allem für einen Bergmenschen wie mich, der die Regionen und Ziele der einzelnen Erzählungen teils sogar persönlich kennt. Kopfschüttelnd, entsetzt und völlig ergriffen sitzt man dann vor dem Buch, um das gerade Gelesene überhaupt verarbeiten zu können. Mit der nötigen Distanz mag es sich vielleicht ganz anders lesen. Mich jedenfalls hat es tief berührt. Gerade auch, weil der mir beim damaligen Lawinenunfall zur Hilfe eilende Notarzt heute mein eigener Hausarzt ist und dessen eigene Geschichte ebenfalls im Buch vorgestellt wird.

Mein Gesamtfazit: Mit Blick auf das zunehmende Selbstverständnis, mit dem Menschen heutzutage erwarten, dass ihnen im Notfall geholfen wird, ist dieses Buch ein überaus wertvolles Zeitdokument. Denn es gibt den ehrenamtlichen Rettungskräften nicht nur ein Gesicht, sondern lässt den Leser auch in Erfahrung bringen, mit welchen Sorgen, Ängsten und Hoffnungen viele der Bergretter konfrontiert sind. Es sind Menschen, die mitunter das Zünglein an der Waage sein können, wenn es um Leben oder Tod geht. Mit dementsprechend viel Respekt sollten wir ihnen auch begegnen. Das Buch von Thomas Käsbohrer leistet dafür einen immens wichtigen Beitrag.

Die Details:
Verlag:
millemari. Verlag, 1. Auflage 2021
Titel: Der Einsatz meines Lebens. Bergretter erzählen.
Autor: Thomas Käsbohrer
Inhalt: 279 Seiten, Soft- oder Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen bzw. auch als e-Book verfügbar
ISBN-13: 978-3-96706-004-1
Preis: 19,99 / 24,95 / 39,95 Euro (e-Book, Softbook, Hardcover)