Rezension – Tyrolia-Verlag / Cédric Gras: Stalins Alpinisten – der Fall Abalakow oder wie zwei Brüder zum Opfer politischer Ideologie wurden

von | 02. Januar 2022 | Allgemein, Interviews und Potraits, Outdoornews

Die bekanntesten Alpinisten der Welt stammen größtenteils aus der westlichen Hemisphäre – angefangen bei Sir Edmund Hillary über Reinhold Messner bis hin zu Conrad Anker. Auf den ersten Blick mag man denken, dass die Länder des Ostblocks kaum bis gar keine Idole hervorgebracht haben oder diese zumindest kaum bekannt sind in unseren Gefildem. Doch weit gefehlt, es existieren zahlreiche Bergsteiger, die sich im Zuge der alpinen Geschichte einen Namen gemacht haben und hierzulande dennoch kaum in Erscheinung getreten sind. Die Gründe dafür sind zumeist politischer Natur. Weshalb auch die Gebrüder Abalakov aus der ehemaligen Sowjetunion vor, während und nach dem zweiten Weltkrieg nicht nur mit den Tücken des Höhenbergsteigens zu kämpfen hatten, sondern vor allem mit Intrigen und politisch motivierten Herausforderungen. Vielmehr wurden die gefeierten Alpinisten, die in seinem Namen den Marxismus bis auf die höchsten Gipfel tragen sollten, im Namen Stalins verhaftet und in Gulags verschleppt wurden? Dieser und vielen anderen Fragen hat sich der preisgekrönte französische Journalist Cédric Gras gestellt und unzählige Archive im heutigen Russland durchstöbert, um den Spuren der von Witali und Jewgeni Abalakow nachzugehen. Eine Leseprobe findet ihr hier.

Vom glorreichen Aufstieg und tragischen Niedergang der Brüder Abalakow – ein preisgekröntes Berghelden-Schicksal im Roten Zeitalter der UdSSR

Witali und Jewgeni Abalakow unternehmen zeitlebens unzählige Expeditionen im Kaukasus-Gebiet sowie im zentralasiatischen Pamir und im Tian Shan. Dort besteigen sie in den 1930er Jahren im Namen des Systems die bekanntesten Siebentausender des Pamier Gebirges: Pik Stalin und Pik Lenin sowie den Khan Tengri. Dafür wurden die beiden Alpinisten gebührend gefeiert und in der einstigen Sowjetunion als Helden bejubelt. Doch nur wenige Jahre später sollte sich das Blatt wenden und der politische Wind drehen: So stand schon bald der Vorwurf im Raum, dass die westlichen Teilnehmer der einstigen Expeditionsmannschaften nur deshalb dabei waren, um die russischen Länder auszuspionieren. Folgerichgtig mussten also auch die Abalakov-Brüder und Ihre gesamte Seilschaft mit unter einer Decke stecken. Das Ergebnis ist schlmmer als jeder gescheiterte Gipfelversuch: So wird Witali Abalakow im Zuge des Großen Terrors und der stalinistischen Säuberungen zum Opfer seiner eigenen Landsleute.

Nur knapp überlebt er das Gulag, während sein Bruder Jewgeni auf freiem Fuß bleibt und als Bildhauer bzw. Künstler im ganzen Land herumgereicht wird. 1948 wird er allerdings tot aufgefunden und Witali kommt die schwere Aufgabe zu, den Familiennamen von der unverschuldeten Schande zu befreien. Als einer der wichtigsten Dreh- und Angelpunkte des russischen Alpinismus kämpft Witali bis zu seinem eigenen Tod für seine Rehabilitation und die nötige Anerkennung der alpinistischen Leistungen und Verdienste. Cédric Gras hat sowohl in den Archiven des KGB als auch in Sibirien sowie in den Bergen Zentralasiens recherchiert, um das Leben der Brüder Witali und Jewgeni Abalakow auf vielschichtige Weise zu rekonstruieren. Eine anfangs innige und unzertrennliche Brüderschaft, die später mürbe wurde. Ein ungleiches Männer-Duo, das gemeinsam das Rote Zeitalter erlebte und davon träumte, den Mount Everest im Namen der UdSSR zu bezwingen.

Das Fazit von Veit: Wenn ideologische Hürden unüberwindbarer sind als die größten alpinen Herausforderungen.

Als Kind der ehemaligen DDR bin ich quasi Zeuge geworden, wie es sich in einem sozialistisch und kommunistisch geprägten Staat lebt. Welche Prämissen gelten und welche Kultur gelebt wird. Eine davon war es, sich nicht als Individuum hervorzutun, sondern sich selbst immer als Teil eines großen Ganzen des Arbeiter- und Bauernstaat zu verstehen. Personenkult war dabei genauso ungern gesehen, wie Kritik an der Führungsriege. Ganz zu schweigen von Liebäugeleien mit westlichen bzw. kpaitalistisch geprägten Werten. Zwar habe ich persönlich keinerlei Berührungen mit KGB und Stasi gehabt, kann aber nach der Lektüre zahlreicher Bücher recht gut nachvollziehen, was in dunklen Hinterzimmern jener Zeit alles passiert sein muss. Von der willkürlichen Verhaftung unerwünschter bzw. vermeintlich staatsgefährdender Personen bis hin zur gesellschaftlichen Ächtung von Staatsfeinden bzw. systemkritischen Widersachern. Mit Blick auf meine eigene Geschichte bzw. die meines inzwischen nicht mehr existierenden Geburtslandes kommt das Buch von Cédric Gras einer Zeitreise in die eigene Vergangenheit gleich. Auch weil ich selbst viel in den Bergen unterwegs bin und ich meine Leidenschaft stets ganz unabhägig von meiner politischen Überzeugung bewerte.

Insofern ist es umso verstörender zu lesen, wie einstige Bergsteiger-Legenden nur aufgrund irgendwelcher Ideologien und unsäglichen Denunziantentums unnötig leiden mussten und zeitlebens politisch verfolgt wurden. Zwar erfuhren die Abalakov-Brüder eine späte Genugtuung und Rehabilitation ihrer Personen, aber um welchen Preis?! Es schmerzt zu lesen, was Menschen anderen Menschen generell antun können, nur weil diese eben gerade nicht mehr in das Weltbild ihrer hirnrissigen Ideologie passten oder einfach Pech hatten. Menschen, die eigentlich nur eines im Kopf hatten: die Eroberung der höchsten Gipfel dieser Welt. Wer weiß, wie die alpine Geschichte umgeschrieben werden müsste, hätte man die beiden Alpinisten nicht verfolgt bzw. voneinander getrennt. Beeindruckend gelingt es dem Autor, autobiographische und zeitgeschichtliche Fakten auf erzählerische Weise miteinander zu verweben. Das Ergebnis ist eine packende sowie überaus persönliche „Reportage“, in welcher der Erzähler die Leserinnen und Leser ganz unmittelbar an seinen Recherchen und Entdeckungen teilhaben lässt. Um auf diese Weise den beiden sowjetischen Bergsteigern posthum ihr wohlverdientes, alpines Denkmal zu setzen und die alpine Geschichte Russlands neu zu bewerten.

Über den Autor Cédric Gras

Cédric Gras (geb. 1982) hat mehrere Jahre in der ehemaligen UdSSR verbracht. Der studierte Geograf und begeisterte Alpinist schreibt regelmäßig Reportagen für Magazine wie GEO, Grands Reportages oder Le Figaro und hat bereits mehrere Bücher veröffentlicht. Für den Sender ARTE hat er an Dokumentationen über Russland mitgewirkt.

Die Details:
Titel:
Stalins Alpinisten. Der Fall Abalakow.
Verlag: Tyrolia-Verlag, Innsbruck-Wien, 1. Auflage 2021
Autor: Cédric Gras (aus dem Französischen von Manon Hopf)
Inhalt: 224 Seiten, Hardcover mit 19 Schwarzweißfotos
ISBN: 978-3-7022-3972-5
Preis: 27,95 Euro | 22,95 Euro als eBook

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Veit

…der Allrounder unter den Schreiberlingen ist stets unrasiert und versiert im Zehnfinger-Nahkampf, liebt: Outdoor-Klamotten, gute Texte und Singer/Songwriter-Musik. Seine freie Zeit verbringt er am liebsten draußen.