Testbericht – Osprey Talon Pro 30: Der Extremsportler unter den funktionalen und robusten Rucksäcken

von | 28. Dezember 2020 | Allgemein, Bergsteigen_neu, Klettern_neu, Testberichte_neu

Während das aktuelle Flaggschiff der britischen Rucksackschmiede gemeinsam mit Nimdal Purja im Winter in Richtung des zweithöchsten Gipfels der Erde „wandert“ und dort alpine Geschichte schreiben könnte, begnügen wir uns mit den Chiemgauer Bergen. Es muss ja nicht gleich der K2 sein, um den neuen Talon Pro 30 von Osprey gebührend zu testen. Dennoch haben wir uns ein paar Touren lang Zeit gelassen, um eine Idee zu bekommen, was der schlanke Backpack tatsächlich leisten kann. So viel vorweg, der robuste Lastenträger reiht sich in die überzeugende Runde der bisher auf unserem Rücken gelandeten Modelle mit herausragendem Tragekomfort problemlos mit ein und überzeugt durch eine Vielzahl funktionaler Features.

Osprey Talon Pro 30: Robuster Backpack für den Einsatz unter extremen Bedingungen

Der Talon Pro 30 ist die professionell orientierte Variante des Talon, einem Rucksack-Modell für „normale“ Wanderfreunde, die viel Wert auf maximale Funktionalität und hohen Tragekomfort legen. Das weibliche Pendant ist als Tempest Pro im Handel erhältlich und berücksichtigt zusätzlich die individuellen Bedürfnisse ambitionierter Outdoordamen. Beide Pro-Serien wurden extra für den Einsatz unter extremen Bedingungen konzipiert und sind das Ergebnis jahrelanger Entwicklungsarbeit erfahrener Spezialisten. Auch hauseigene und externe Profi-Alpinisten wurden mit eingebunden, welche die Backpacks über Monate hinweg auf Herz und Nieren getestet haben. Darunter auch der bereits benannte Extrembergsteiger Nims Purja sowie die Olympia Siegerin Victoria Pendleton.

Die Rucksack-Linien selbst sind alte Bekannte am Markt und wurden lediglich vom Design her optimiert. Die Pro-Linie hingegen sollen laut Osprey nun neue Maßstäbe in puncto Performance setzen. Dafür sorgt bei beiden Backpack-Modellen ein speziell für extreme Bedingungen entwickeltes NanoFly® Material, das besonders strapazierfähig und leicht ist. Das PFC-freie Material aus ultramolekularem Polyethylen ist extrem strapazierfähig und wasserabweisend. Ergänzt wird es durch wasserdichte Aquaguard Reißverschlüsse von YKK und reflektierende Grafiken. Dadurch bringen die Rucksäcke nur das Gewicht auf die Waage, welches tatsächlich notwendig ist, um maximale Stabilität und bestmöglichen Tragekomfort gewährleisten zu können.

Minimalistisch fällt denn auch das gesamte Konzept aus: Das fängt bei der im Spritzgussverfahren hergestellten und per Klettverschluss in der Länge verstellbaren Rückenplatte an und reicht über den schlanken Hüftgurt mit seinen zwei aufgesetzten Staufächern bis hin zu den seitlich am Korpus platzierten Flaschenhaltern aus flexibel dehnbarem Mesh-Material. Hinzu kommen noch praktische Stow-on-the-Go™ Systeme an beiden Tragegurten zum Befestigen der Trekkingstöcke, eine integrierte Helmhalterung sowie ein im Rücken integriertes, exterenes Trinkblasenfach. Ein Netz-Innenfach mit Schlüsselclip, ein geräumiges Meshnetz-Fach auf der Front, ein kleines Deckelfach sowie zwei auf den Trageriemen platzierte Mini-Taschen sowie eine Eispickelhalterung runden das alpine Gesamtkonzept ab.

Subtile Design-Verbesserungen sorgen für eine erhöhte Stabilität und machen die Rucksäcke zur ersten Wahl – sei es für anspruchsvolle Tagestouren mit technischer Ausrüstung als auch für Einsätze, bei denen es auf ein schnelles Vorankommen mit möglichst wenig Gewicht ankommt.

Das af-Testurteil von Veit: Funktionaler Allrounder für diverse Bergsport-Aktivitäten und anspruchsvolle Hochtouren

Der Talon Pro 30 schließt in meinem wohlsortierten Outdoor-Schrank die letzte noch vorhandene Lücke zwischen großem Trekking-Rucksack und kleinem Daypack. Denn mit einem Volumen von 30 Litern bietet der Backpack ausreichend Platz für ausgedehnte Tagestouren, bei denen etwas mehr als nur die Jacke und eine Brotzeit mit dabei sein sollen. Doch nicht nur für einfache Wandertouren empfiehlt sich der funktionale Lastenträger, sondern ebenso für ambitionierte Gipfelziele. Denn dank seiner robusten Außenhaut, der hohen Stabilität und der zahlreichen Features für den alpinen Einsatz überzeugt der Talon Pro 30 als versierter Allrounder bei (fast) allen Unternehmungen am Berg.

Besonders hervorhebenswert ist der für Osprey typische, exzellente Tragekomfort ab dem ersten Kilometer. Ein durchweg positiver Eindruck, der auch hinsichtlich Funktionalität kaum Wünsche offen lässt. So sorgt das mit einem Meshnetz bespannte Airscape-Rückensystem für eine optimale Klimaregulierung beim schweißtreibenden Gipfelsturm, während der alpinistisch und recht schmal gehaltene Hüftgurt für eine optimale Lastenverteilung sorgt. Da drückt nichts, da sitzt alles an Ort und Stelle und auch sonst bildet der Backpack eine solide Einheit mit dem Träger. Über einen Klettverschluss lässt sich die Rückenplatte des Talon Pro 30 zudem in der Länge varriieren, damit auch Bergsportler mit ausgeprägter Rückenpartie nicht auf den nötigen Komfort verzichten müssen. Die alpinistisch schlank designten Tragegurte sind mit Ventilationslöchern und atmungsaktivem Material versehen, damit der Schweiß problemlos an die Außenwelt abgegeben werden kann. Unabhängig davon ist die gesamte Verarbeitung der Materialien absolut top und die Außenhaut bietet dank seiner wasserabweisenden sowie robusten Eigenschaften problemlos kleineren Schauern und rauen Felswänden die Stirn.

Über einen umlaufenden, wasserabweisenden Reißverschluss erhält man Zugriff auf das rund 30 Liter fassende Hauptfach, das ausreichend Platz bietet für die wichtigsten Utensilien. Genug Stauraum für eine ausgedehnte Bergtour. Im Innern verbirgt sich ein zusätzliches Fach aus Mesh-Netz mit Schlüsselclip, um wichtige Dokumente, die Geldbörse oder sonstige Dinge sicher unterbringen zu können. Auf dem „Deckel“ befindet sich zudem ein geräumiges Zusatzfach, um darin Kartenmaterial oder das Taschenmesser zu verstauen. Hinzu kommen zwei auf dem Hüftgurt platzierte RV-Taschen, die groß genug sind, um auf mittelgroße Smartphones, Digitalkameras oder Materialien schnell zugreifen zu können. Last but not least bietet ein flexibel dehnbares Netzfach auf der Frontseite sowie zwei seitliche Netzfächer weiteren Platz für nasse Utensilien, dreckige Wäsche oder Getränkeflaschen. Fehlen noch die zwei per Druckknopf verschließbaren kleinen Taschen, die auf den Trägern rechts und links platziert sind, um dort Feuerzeuge, kleine Karabiner oder Messer einschieben zu können,  sowie das separat zugängliche Fach am Rücken für Trinksystem.

Helmhalterung, Stow-to-Go-System zum Befestigen der Stöcke und eine Lasche für den Eispickel runden das alpine Gesamtkonzept noch ab, an dem es kaum etwas zu meckern gibt. Kaum – heißt aber auch nicht nichts! So bin ich dann doch etwas unzufrieden mit der Platzierung der beiden kleinen Brusttaschen auf den Tragegurten, deren Sinn und Zweck sich mir auch nach mehrmaligem Tragen nicht wirklich erschließen will. Denn leider öffnet sich der Druckknopf immer wieder von allein und die darin befindlichen Gegenstände können bei bückenden Bewegungen durchaus leicht herausfallen. Auch die Höhe der seitlich platzierten Staufächer fällt nicht optimal aus, wodurch man den Rucksack jedes Mal vom Rücken nehmen muss, um eine Flasche bzw. darin verstaute Utensilien einzuschieben oder herauszuholen. Mir persönlich sind zudem die Flossen des Hüftgurts einen Tick zu kurz geraten und der Zuggurt etwas zu schlank. Denn je nach Belastung und Bewegung kann der Hüftgurt dudurch ein wenig einschneiden. Generell fällt die Polsterung des Hüftgurts wie für einen alpinen Rucksack üblich recht knackig aus. Wer also eher den weichen Tragekomfort bevorzugt, sollte bei längeren Touren auf ein anderes Modell zurückgreifen. Ein wenig bedauere ich auch, dass der Zugriff auf das Hauptfach lediglich über den großen RV möglich ist und bei vollem Rucksack immer erst alles ausgepackt werden muss, will man bspw. die Brotzeit herausholen oder im Klettersteig eine Kleidungsschicht los werden.

Das Gesamtfazit – die Vor- und Nachteile im Überblick:

Mit der Talon Pro Serie bzw. der Tempest Pro Kollektion für die Damen hat Osprey wieder einmal beeindruckend unter Beweis gestellt, dass die Briten nicht nur für Trekking-Sportler exzellente Produkte auf den Markt bringen. Auch für alpine Gipfelstürmer sind hervorragende Rucksack-Modelle im Programm, die vor allem durch Robustheit und Stabilität überzeugen. Die Kombination aus hohem Tragekomfort, solide verarbeiteten Materialien und durchdachten Funktionen machen aus den robusten Backpacks treue Begleiter für den Allround-Einsatz. Die wenigen „Mängel“, wenn man sie denn so nennen mag, stören dabei kaum. Und auch wenn das Preis-Leistungsverhältnis durchaus berechtigt ist, fällt die Summe auf dem Kassenzettel doch relativ hoch aus.

+ verstellbare Rückenlänge
+ praktische Fächereinteilung
+ zahlreiche Befestigungsmöglichkeiten für Ski, Helm und Equipment
+ relativ geringes Eigengewicht
+ hoher Tragekomfort
+ qualitativ hochwertiges und robustes Material mit Top-Verarbeitung

– recht straff gepolsterter Hüftgurt
– unpraktische Staufächer an den Tragegurten
– Zugang leider nur über den Haupt-RV von oben
– relativ teuer im Anschaffungspreis
– etwas zu weit oben platzierte Seitentaschen
– kein Regencape inklusive

Die Details:
Besonderheiten:  Verstellbare AirScape™ Rückenplatte, Helmhalterung, Stow-on-the-Go System, Hüftgurt mit Staufächern
Material: 100D Robic® + 200D Extreema® NanoFly™
Volumen: 20 Liter oder 30 Liter
Rückenlänge: S/M oder L/XL (WS/XS oder WM/L bei der Damenversion) – Rückenlänge verstellbar
Maße: k.A.
Farben: Carbon oder Titanium
Gewicht: ca. 1kg
Preis: 175 bis 200,- Euro (UVP)

*Hinweis der Redaktion zur Kennzeichnungspflicht: Die hier getesteten bzw. vorgestellten Produkte wurden uns vom jeweiligen Hersteller kostenlos zur Verfügung gestellt. Über den Produktwert hinaus flossen keine weiteren Zahlungen oder Gegenleistungen. Das Urteil der Redaktion ist dennoch unabhängig und die spezifischen Marken haben keinerlei Einfluss auf die Inhalte des Testberichts.