Event – UTMB 2021: Erfahrungsbericht von Florian Haiminger über seine Teilnahme am Trailrunning-Highlight in Chamonix

von | 28. April 2022 | Allgemein, Highlight, Interviews und Potraits, Outdoornews

Der Ultra-Trail du Mont-Blanc (abgekürzt UTMB) gilt als DAS Laufevent schlechthin unter Trailsportlern und Anhängern ultralanger Distanzen. Dementsprechend gehen bevorzugt jene Läuferinnen und Läufer beim Ultramarathon in Chamonix an den Start, welche sich die im Uhrzeigersinn rund 170km lange Strecke rund um die Mont-Blanc-Gruppe tatsächlich zutrauen. Denn für die in unter 46 Stunden zu bewältigende Gesamtstrecke mit mehr als 10.000 Höhenmeter braucht es nicht nur die nötige alpine Erfahrung, sondern vor allem einen entsprechenden Willen und jede Menge Durchsetzungsvermögen. Erstmals 2003 ausgetragen, zählt der UTMB heutzutage zu den weltweit bekanntesten Laufveranstaltungen und gilt neben dem Transalpine Run (TAR) für viele Trailrunner zu den absoluten Highlights. So auch für Florian Haiminger, der als Prokurist und stellvertretender Geschäftsführer bei der Unfried Obst & Gemüse Handelsgesellschaft m.b.H tätig ist und den wir beim Großglockner Ultra Trail kennenlernen durften. Der Niederösterreicher aus hat sich den großen Traum vom UTMB im Jahr 2021 erfüllt und schildert hier seine Erlebnisse vom „Lebenslauf“, den er in knapp 42 Stunden gefinished hat.

Flo Haiminger goes UTMB: Wie ein „Gestörter“ rund 170km und mehr als 10.000 Höhenmeter zu Fuß bewältigt.

Puh, wo soll ich bei diesem Abenteuer eigentlich beginnen? Gut, wahrscheinlich macht es am meisten Sinn, wenn ich von Anfang an berichte! Meine Reise nach Chamonix verläuft überraschend gut und ich lande am Mittwoch, kurz nach 9 Uhr in den franzöischen Alpen, bevor ich mich gegen 11 Uhr in ein Beisl auf ein Bier und Foccacia quattro Formaggio begebe. Arnold, mein Laufspezl ist auch gleich da, weil sein Rennen (TDS) aufgrund eines tödlichen Unfalles eines Teilnehmers abgebrochen werden musste. Bis zum Schlafengehen werden es am Ende dann doch 8 Bier und 2 Achtl Rotwein. Nicht gerade die beste Grudnlage für eine Teilnahme an einem Ultralauf, aber egal. Erste Zweifel machen sich breit, schließlich beginnt in knapp zwei Tagen das vielleicht größte Abenteuer meines Lebens. Aber was soll’s, jetzt habe ich Bier und Wein bereits getrunken und morgen ist ein neuer Tag! Der Donnerstag vergeht schnell und angenehm – diesmal OHNE BIER UND WEIN. Und dann ist er da, der Freitag – aka Raceday. Für gewöhnlich schlafe ich recht gut vor solchen Ultramarathons und auch diesmal keine Spur von Nervosität. Bis auf einen kurzen Moment beim Abholen der Startnummer, als ich etwas Bammel bekomme, der aber schnell wieder verfliegt und der Freude Platz macht, dass ich hier sein darf!

Am gestrigen Donnerstagabend informierte mich noch eine kühle SMS „Cold Weather Kit activated“ über die mitzuführende Pflichtausrüstung. Mit Blick auf die aktuellen Bedingungen checke ich alle vorhandenen Wetterberichte: „Wtf, es hat 22 grad und am Himmel ist fast keine Wolke zu sehen“ rede ich mit mir selbst und finde als Begründung für diese Entscheidung den Unfall auf der TDS-Strecke. Was soll’s, ich hätte ohnehin alles aus dem Ausrüstungs-Kit mitgenommen. Alles bis auf die Sonnenbrille, aber ok, die findet sicher auch noch ihren Platz im Trailpack. Im Laufe des Vormittags wird dann klar, was die eigentliche Ursache: Ein kalter und 30-40km/h schneller Wind sorgt ab einer Höhe von 2400m für einen ordentlichen Windchill-Effekt, der im Falle von Regen für richtig unschöne Bedingungen sorgen kann. Grund genug für mich, langärmlig zu starten. So erspare ich mir am Abend wenigstens das Umziehen, denke ich mir.

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Gestartet wird in 3 Blocks mit einer 30-minütigen Pause dazwischen. Optimal für mich, denn ich starte in Block 2 und gewinne so eine halbe Stunde vom Cutoff. Zudem geht es beim Start auch schneller und besser voran, da nicht so viele Leute gleichzeitig auf der Strecke unterwegs sind und sich auf den engen Trails gegenseitig im Weg sind.

20 Minuten lang Gänsehaut pur – vom Start weg in Chamonix

Um 17:32 stehe ich also im Startblock 2 und habe Gänsehaut pur: ALTER was für eine Atmosphäre. Kein Wunder, stehen doch dort unzählige Leute mit Kuhglocken in 4er-5er Reihen am Rand der Laufstrecke und feuern uns „Gestörte“ an, als wären sie selbst „Gestörte“. Der pure Wahnsinn! Jetzt wird mir erst so richtig klar, dass ich endgültig im Mutterland des Trail-Runnings angekommen sein muss. Seit mehr als 20 Minuten stehe ich nun also schon mit einem Kribbeln auf der Haut da und kann es kaum fassen. Begonnen hat es kurz vor dem Start, als der Song von Vangelis „Conquest of Paradise“ erklingt – die inoffizielle Hymne dieses Trail-Events. Und selbst nach den ersten 3 Kilometern stehen noch immer haufenweise Zuschauer am Straßenrand, die uns Laufsportler anfeuern und antreiben. Shit, bei all der Begeisterung habe ich kaum auf meine Pace geachtet. Ein kurzer Blick auf die Uhr verrät mir, dass mein Einstiegstempo mit 05:00 viel zu hoch ist, vor allem mit Blick aif die vor mir liegende Gesamtstrecke von rund 170 Kilometern und mehr als 10.000 Höhenmetern im Aufstieg. Sofort trete ich auf die Bremse und zwinge meine Beine zu einer deutlich lockereren Geschwindigkeit.

Offizielle Topographie der Laufstrecke (© UTMB Mont Blanc)

Die Zeit nach LES HOUCHES vergeht wie im Flug. Zugegeben, ich bin teilweise ja auch gefühlt bis dorthin geflogen. Aber auch die Strecke erlaubt es, hier schon einiges an Körnern zu verbraten und ordentlich Gas zu geben, was ich aber tunlichst vermeiden will. An ein Ziel in knapp 165 km ist natürlich noch lange nicht zu denken und sprichwörtlich noch in weiter Ferne! Allein mit Blick auf diese schier unüberwindbare Distanz könnte man direkt aufgeben. Dementsprechend schwer fällt es meinem Kopf, das aktuelle Geschehen um mich herum zu verarbeiten. Schließlich soll ich jetzt noch fast ganze zwei volle Tage auf den Beinen sein. Crazy! Ich verdränge die zweifelhaften Gedanken so schnell wie sie mir gekommen sind, denn schließlich macht es eh keinen Sinn. Durchziehen ist die Devise, aufgeben kann man im schlimmsten Fall immer noch. Was mir diesbezüglich schon sehr früh auffällt ist, dass hier beim vielleicht GRÖSSTEN und WICHTIGSTEN Ultra-Lauf der Welt alle etwas „schmähstad“ (Wienerisch für sprachlos) und zurückhaltend sind. Um ehrlich zu sein, bin von  Trailruns in Österreich anderes gewohnt. Aber was soll’s, ich habe mir ja selbst ausgesucht nach Frankreich zu kommen und dieses EINE Rennen zu finishen – egal wie wortkarg die Teilnehmenden am Ende auch sein mögen.

© Florian Haiminger / FLASH-SPORT

Der erste Anstieg mit knapp 800 Höhenmeter führt nach DELEVERET hinauf. Einer jener auf der Strecke, der recht gemütlich werden sollte. Denn sonst fallen alle anderen Anstiege in etwa so steil aus wie auf meiner Hausstrecke in der Wachau, die mich zur Buschandlwand hinaufführt und sauber steil ist. Egal, ich weiß was ich kann und ich habe super trainiert, weshalb ich mein gewohntes Tempo gehe und davon überzeugt bin, dass eigentlich nichts passieren kann. Dennoch hoffe ich, dass ich dieses Tempo auch über max. 47 Stunden so halten kann. Wir werden sehen, denke ich und setze zum Downhill an, der semi-steil und nicht allzu technisch ausfällt. Ich kann die Beine laufen lassen und sogar ein paar Läufer überholen. Wirklich geile Trails schießt es mir durch den Kopf, bevor ich in der Ortschaft St. Gervais (damit ist nicht der Streichkäse gemeint) einlaufe. Dort erwartet mich und meine Mitläufer eine in Leuchtlettern auf den Boden geschriebene Nachricht: „Only just 150 km to Chamonix left“. Grund genug, um kurz laut aufzulachen, während die anderen Teilnehmer mich weitestgehend ignorieren und ich mir klar darüber werde, dass diese Info dann doch gar nicht so witzig sind. Anway…weiter geht’s!!!

Die vielen Gesichter des Ultrarunning: Oder was tun wir uns hier eigentlich an?

Ganze 3 Std. brauche ich bis zur Versorgungsstation, wo ich meine Vorräte auffülle, eine Kleinigkeit esse und mir auch etwas mit in ein Topits mitnehme (Salami mit Haselnüssen und Salzcracker). Im Gegensatz zu den anderen lasse ich es mir allerdings nicht nehmen, noch schnell eine Runde mit den Sambatänzern zu drehen, bevor es dann mit Stirnlampe auf dem Kopf weiter in die Nacht hinausgeht. Nach 20 Minuten fällt mir auf, dass der Lichtstrahl meiner Lampe schief ausfällt und versuche sie nachzujustieren. Als sich nichts am Problem ändert, wird schnell klar, dass die Halterung gebrochen ist. Schnell greife ich zur Zweitlampe, die ich Gott sei Dank bei mir trage und packe den Ultra-Akku drauf, damit ich in den nächsten Stunden nicht auch noch durch einen erneuten Batterie-Wechsel wertvolle Zeit verliere.

  

Weiter geht’s durch hügeliges Gelände quer durch die rabenschwarze Nacht. Nächstes Ziel soll LES CONTAMINES sein, dass ich nach etwa knapp 31km erreichen soll. Meinem eigentlich inoffiziellen Startpunkt ins Rennen. Denn hier angekommen realisiere ich überhaupt erst so richtig, wie viele Teilnehmer an den Start gegangen sind und was wir uns hier eigentlich antun: Erste Läufer liegen auf Bänken und leiden, werden von ihren Supportern getröstet, versorgt und aufgemuntert. Mit Blick auf dieses Szenario bin ich eigentlich froh, mich auf niemanden verlassen zu müssen. Außer auf mich selbst natürlich. Die Nudelsuppe, die ich an der Labestation serviert bekomme, will ich nur am Rande erwähnen. Denn Nudeln, die seit mehr als 4 Stunden in „Fertig-Packerl Bouillon“ schwimmen, können eigentlich nur mehr als Brei bezeichnet werden. Mit Grausen würge ich die schlurzige „Suppe“ hinunter, weil ich die Energie dringend benötige. Allmählich geht der Abend in die Nacht über und es wird zunehmend kälter. In der Versorgungststation ist es jedoch warm genug, um mich umzuziehen und die Kleidung zu wechseln. Drunter gibt’s ein frisches kurzes Shirt, drüber kommt mein feuchtes langes Shirt und die feuchte Windjacke. Und über das alles ziehe ich zusätzlich noch meine Regenjacke, die sich später noch als Fluch und Segen zugleich entpuppen soll.

Raus in die Dunkelheit und hinein in einen der laut Topo härtesten Anstiege des gesamten UTMB. Nach nur 15 Minuten ist mein frisches Leiberl schon wieder komplett durchgeschwitzt, weil die wasserfeste Regenjacke den überschüssigen Schweiß nicht wirklich nach außen dringen lässt. Spätestens jetzt wird mir bewusst, dass ich die gesamte Nacht hindurch irgendwie in Bewegung bleiben muss, um nicht allzu schnell auszukühlen. Was man schlussendlich als „Segen“ bezeichnen kann, denn dadurch ging es in stetigem Tempo immer weiter voran. Vor der letzten Labe „LA BALME“, bevor es zum Croix de Bonhomme geht, ist mir schon ziemlich kalt. Erneut fülle ich meine Vorräte auf, nehme mir etwas zu essen und will mir vor dem Medi-Zelt sowohl Handschuhe als auch meine lange Hose anlegen. Durch einen kleinen Spalt dringt angenehm warme Luft nach außen und ich werfe einen Blick hinein. Dort sehe ich einige Läufer auf Liegen liegen. Haben die etwa nicht gewusst, was auf sie zukommt? Ich verscheuche erneut meine eigenen Zweifel und beobachte einen Läufer, der sich eine dünne Regenhose überzieht. Eine gute Idee, das mache ich auch und packe die dicke Winter-Pant zurück in den Rucksack. Weiter geht’s – diesmal bis auf 2600 Meter.

Die ersten Teilnehmer liegen neben der Strecke und machen ein Nickerchen.

Ich fühle mich gut und frisch, auch wenn ich am Oberkörper komplett nass bin. Auf dem Weg nach oben entdecke ich die ersten müden Läufer, die neben der Strecke liegen und schlafen. und das in der ersten Nacht – nicht einmal 8 Std dauert das Rennen. Für mich wäre das der Tod. Wieder frage ich mich, wissen wirklich alle was sie da tun? Nach 20 Minuten in 2400 Meter Höhe bei 3 Grad und 30-40 km/h Wind ist für einen Körper definitiv Schluss und könnte es kritisch werden. Aber das soll, nein darf aktuell nicht mein Problem sein. Ganz im Gegenteil: Ich komme in meinem Tempo erstaunlich gut voran. Auch der Downhill geht mir sehr gut von der Sohle und ich überhole immer wieder Läufer auf dem Weg nach unten. Eigentlich wollte ich ja nur nicht auskühlen. Das Ergebnis ist, dass die erste Nacht fast hinter mir liegt. Ok, noch 3-4 Stunden wird es dauern. In LES CHAMPIEUX bin ich dann auch schon bald und denke lieber noch nicht an den nächsten Auftstieg. Auch diesmal erwartet mich wieder eine sehr warme Labe. Immerhin wird die Nudelsuppe diesmal ihrem Namen gerecht und ist wirklich „nudelig“. Auf den Tischen schlafen einzelne, erschöpfte Läufer. Offizielle Medis gehen und reden alle Teilnehmer an und fragen, ob alles in Ordnung ist. Für mich soweit schon. Ich entledige mich nur meiner Regenhose und der Handschuhe und setze meinen „Leidensweg“ weiter fort.

Wird es bei Sonnenaufgang in Frankreich eigentlich kurz 3-4 Grad kälter? Mit kommt es zumindest so vor, denn mir ist verdammt kalt. Also alles auf Anfang und keine 100 Meter nach der Labe ziehe ich mir wieder Regenhose und Handschuhe über. Von anderen Supportern erfahre ich, dass ich die nächsten 15 km ohne jegliche Verpflegung auskommen muss. Auch an Möglichkeiten sich aufzuwärmen wird es somit fehlen, dabei ist mir so FUCKING Kalt!! So kalt war mir vermutlich noch nie – und ich Einfaltspinsel wollte noch mit kurzer Hose weiterlaufen – haha. Dann schießt mir die Gewissheit in den Kopf: „15 km ohne Labe!?“ Die spinnen doch, die Franzosen. Und das mitten in der Nacht bzw. bis zum Morgengrauen? Aber was soll’s, ich habe es mir so ausgesucht. Also Reißverschluss zuziehen und rein ins Vergnügen. Denn jetzt geht’s auf den höchsten Abschnitt im Rennen. Und auch hier liegen wieder diverse Leute kurzärmelig neben der Strecke und lecken ihre Wunden. Ein Anblick an den ich mich noch immer nicht gewöhnt habe und auch irgendwie nicht gewöhnen will. Bereits 55 km liegen hinter mir, aber an das Ziel traue ich mich nach wie vor nicht zu denken. Es ist schlichtweg viel zu weit weg.

Die Anstiege und die Abstiege zum COL DEL LA SEIGNE und zum COL DE PYRAMIDES sind schon technischer, aber wunderschön und problemlos zu bewältigen. Als Entlohnung für die hinter mir liegenden Mühen werde ich mit einem Sonnenaufgang beschenkt, der seinesgleichen sucht. Und weil es ja bereits 6 Uhr in der früh ist, rührt sich auch etwas in meinem Bauch und ich verrichte mein Geschäft mit Aussicht auf die wunderschöne Bergwelt rund um Courmayeur.  Einfach unbeschreiblich. So etwas kann man definitiv  nicht alle Tage „genießen“. Erleichtert und guter Dinge geht’s weiter bergab in Richtung LAC COMBAL. Die erste Nacht ist geschafft. Eine „Horror-Nacht“ wegen der Kälte. Dafür habe ich aber wieder etwas gelernt: Richtig Anziehen und Ausziehen – zumal ohne großen Zeitverlust – will gelernt sein. Meine Marschtabelle für was habe ich die mir eigentlich gemacht? Ich habe nach 13 Stunden noch kein einziges Mal drauf geschaut. Wurscht, ich laufe mein Rennen und schaue das ich langsam meinen Abstand zu den leidigen Cutoff-Zeiten vergrößere, die jedem Teilnehmer im Nacken sitzen und stetig verfolgen. Das gelingt mir recht gut bis jetzt.

In LAC COMBAL sehe ich das erste Mal ein mir bekanntes Gesicht: Ruppert K., der sich über Magenschmerzen beklagt. Für mich ist es nach nach rund 13 Std. mein erster Wortwechsel mit einem anderen Läufer. Eigentlich schlimm, denn normalerweise unterhalte ich mich bei anderen Laufevents immer mit Hin und Kunz. Beim Rauslaufen aus der Labe springt mir noch eine Österreich-Flagge ins Gesicht. Es ist die von Flo, der lustig drauf ist und viel lacht, mir aber am Ende doch etwas zu langsam unterwegs ist. Auch er hat gesagt, er möchte noch vor Mitternacht im Ziel angekommen sein. Oder anders gesagt: Auch er weiß nicht wirklich genau, was er hier eigentlich macht. Ohne Hubschrauber wird sich das nämlich nicht ausgehen, bin ich überzeugt. Behalte aber meine Gedanken für mich und lasse meinen Namensvetter hinter mir. Im Nachhinhein stellte sich heraus, dass Flo nicht ganz in die zweite Nacht gekommen ist. Am Ende war es ein DNF in La Fouly, wo um 21:30 Uhr Schluss für ihn war – also immerhin vor Mitternacht.

Sonne satt, blauer Himmel und sagenhafte Aussichten in die französische Bergwelt.

Der Anstieg, bevor es nach Courmayeur geht, lässt sich auch gut an – die Sonne wärmt und die Aussicht ist der Hammer. Ich genieße jeden Moment und die Schönheit der Berge, in denen ich laufen darf. Dankbar dafür, überhaupt dabei sein zu dürfen. Auf dem Downhill kurz vor Courmayeur bietet sich noch ein Stop an einer weiteren Labestation an. Und siehe da, es gibt Pasta – wir sind ja schon in Italy. Ich esse viel und pfeife kurz auf Covid-Rennregeln und nehme mir den Parmesan selbst. Was folgt ist ein lautstarker Rüffel der netten Italo-Dame: „OHHHH NOOO you are not allowed because of the COVID“, ruft sie mir entgegen. Ich antworte ihr in typisch deutsch-österreichischer Manier mit den Worten: „I derf des scho, scheiss di ned an!“.

Auch diesmal sitze ich wieder mit Ruppert an einem Tisch, der noch immer mit dem Magen kämpft, aber inzwischen etwas besser ausschaut. Und was ist da? Weitere Wortfetzen erreichen meine Ohren, die mir bekannt vorkommen: „Heee scho wieder der Österreicher“. Sie stammen von Sebastian, Michele (ein guter alter Bekannter), Steffen und Flo. Geteiltes Leid ist halt dann doch das schönste Leid. Uns so geht’s im Anschluss gemeinsam im Sauseschritt den sehr staubigen Downhill runter zur Halbzeit! Dort angekommen erwartet mich Arnold und erklärt mir , dass ich zuerst reingehen und dann in die Supporterzone zu ihm kommen soll. Entspannt wasche ich meine Beine, fülle meinen Rucksack neu mit Proviant auf und ziehe mir frische Klamotten an. Mein Supporter Arnold versorgt mich mit Gels, es gibt alkoholfreies Bier, Mannerschnitten und jede Menge Zuspruch. Zugegeben, ohne ihn wäre das alles nicht so easy. Danke KRAUSI!

Raus aus der „Halbzeit-Labe“ und schon wieder die Ösis. Diesmal gehe ich in Vorlage: „Ned scho wieder ihr“, sage ich scherzhaft. Sofort werde ich aufgenommen in den Pulk der Alpenländler und schiebe mich gemeinsam mit ihnen über 800 Höhenmeter nach oben – bei 25 Grad im Schatten. Gott sei Dank ist mir noch immer nicht ganz warm, weshalb sich die Temperaturen halbwegs gut aushalten lassen. Irgendwann ziehen die „Ösis“ dann wieder davon, bevor ich sie am REFUGE DE BERTOGNE wieder einhole. Dort trinke ich nur kurz etwas, fülle meine Vorräte auf und dann geht’s wieder gemeinsam Richtung ARNOVOUZ. Unterwegs ratsche ich viel mit Sebastian.

Dabei stellen wir fest, dass wir im Grunde genommen fast immer dieselben Trailevents in Österreich absolviert haben. Michele hingegen war schon mal mein Pacemaker, unterhalte mich mit ihm über Unfried Andi und Kurzl, an die er sich noch gut erinnert. Sebastian gibt mir an diesem Punkt des Rennens eine der vielleicht wichtigsten Infos überhaupt: Statistisch gesehen, finishen alle Läufer, die in Champex-Lac ein- und auch wieder auslaufen, zu 94% den UTMB. Das macht mir Mut und gibt mir den nötigen Antrieb für die restliche Strecke. Danke Sebastian, dank dir habe ich nun einen Anker – und was für einen, der hält bombenfest, hoffentlich bis ins Ziel. Irgendwann lasse ich die Jungs dann stehen da sie zu viert nicht so schnell vorankommen wie ich. Denn vor mir liegen die geilste Trails bei schönstem Wetter – ARNOVAUZ ich komme.

Trotz müder Beine im Downhill mal eben 100 Plätze gut gemacht.

Wieder warm, aber gut versorgt, verlasse die Labestation. Allerdings fällt mir auf, dass die Verantwortlichen nur Läufer in langer Hose und Jacke auf den Berg loslassen. Wie bitte? Es hat doch 16 Grad! Etwas zerknirscht folge ich den Anweisungen und ziehe meine Regenhose über. Was Gott sei Dank nicht weiter auffällt, denn es wäre nicht erlaubt. Nach 200 Höhenmeter wird mir der Sinn der Ausrüstungskontrolle schlagartig klar. Es gibt Gegenwind von oben mit rund 30km/h und es wird wieder ordentlich kalt. Ein wenig Furcht vor der zweiten Nacht macht sich breit. Der Anstieg geht in meinem Tempo gut, kurz vor dem Gipfel meldet sich Benni telefonisch bei mir. „Der hat ja keine Ahnung wie gschissen das da ist,“ denke ich noch. Aber es motiviert mich trotzdem, weil er der Meinung ist, dass jetzt ja genau meine Disziplin kommt – rund 20 km feinster Downhill.

Wieder denke ich, dass er ja keine Vorstellung davon hat, wie müde meine Beine von den bisherigen Downhills und der zurückgelegten Wegstrecke sind. Egal, irgendwie hat er auch wieder recht. Ich lasse es laufen und überhole Läufer für Läufer auf meinem Weg nach unten. So schlecht scheine ich ich also gar nicht beieinander zu sein. Gefühlt überhole ich 200 Teilnehmer – bis LA FOULY sind es dann tatsächlich 100 Plätze, die ich gut machen kann. Lediglich eine kleine WC-Pause hat mich ca. 10 Plätze gekostet. Egal, das Klo war bitternötig und herrlich. Denn so konnte ich Gesicht und Hände waschen und mich wenigstens für 10 Minuten wieder halbwegs frisch fühlen.

© Florian Haiminger / FLASH-SPORT

Angekommen in LA FOULY: Es ist kurz vor 20:00 Uhr abends und ich denke mir, dass hier sicher ein Hotspot zum Aufhören wäre. Aber nicht für mich! Ich blicke in weinende Männergesichter, die ihr Aufgeben kundtun müssen und sichtlich erledigt sind. Ich denke mir nur, dass man hier nicht aufhören muss, außer man will es. Aber dann darf bzw. sollte man auch nicht weinen. Es ist keine Schande. Für mich steht allerdings fest: Ich fahre nicht extra nach Chamonix zum UTMB, um dann nach 109 km einfach auszusteigen. Mit meinem Anker von Sebastian im Rucksack starte in den nächsten Abschnitt – einen lockeren abendlichen Downhill. Dann folgt der Anstieg nach CHAMPEX-LAC mit einer kleinen Gruppe aus insgesamt 10 Leuten. Irgendein Sack aus der Gruppe (Franzose) erwähnt, dass es noch rund 200 hm bis dorthin sind. Laut meiner Uhr sind es aber bereits 400 hm.

„Immer diese Franzosen“ denke ich mir und halte mich an meinem Anker fest, der mich antreibt und mich ruhig bleiben lässt. Kurz vor 23:00 Uhr komme ich dann endlich an. Höre ich da etwa Flo-Rufe?! Bilde ich mir das nur ein oder bin ich jetzt völlig wahnsinnig geworden? Doch, nein, ja….Arnold überrascht mich und ruft mich zu sich. Ich setze mich und esse Suppe mit Reis, der mir gut Kraft und neue Energie geben soll. Im Gespräch mit Arnold erkläre ich meinen Plan, gleich wieder weiterzugehen, da ich hier nicht lange sein will und wieder rauskommen muss (Anker und so…). Gleichzeitig erhaschen meine Augen wieder den Anblick von schlafenden Menschen, die im Medicenter liegen. Von insgesamt 30 Liegen sind immerhin 20 belegt. Bis jetzt nicht mit mir. Gut so, sage ich mir! Also raus mit mir auf die Strecke, denn kalt ist es komischerweise auch nicht mehr so sehr. Dafür bin ich zum ersten Mal komplett allein unterwegs. Egal, dann halt mit Ipod im Ohr.

 

In den letzten Stunden habe ich wohl etwas zu viel getrunken. Denn meine Blase meldet sich alle 20 Minuten und will entleert werden. Durch das viele Herumstehen beim Pinkeln schließt ein netter Schwede zu mir auf und wir setzen den weiteren Weg gemeinsam fort. Uns tut das beiden gleichermaßen gut. Wir reden viel und lenken uns gegenseitig von den Strapazen ab. Zugegeben, mein Englisch ist gar nicht mal so schlecht für 40 Stunden ohne Schlaf. Rauf geht’s schnell, runter eigentlich auch. In der Labe LA GIETE, einem umfunktionierten Kuhstall, tanzt eine frewillige Schweizerin zu Disco Musik. Ich scherze noch mit ihr und sage zu ihr, dass wir uns dann im Ziel sehen. Sie entgegnet mir mit überzeugter Mimik: „Yes we do“!

Ok, denke ich mir, die erkennt mich sowieso nicht mehr oder eher umgekehrt, da sie einen Mundnasenschutz trägt. Wurscht, ich bin so oder so fix im Ziel, deswegen bin ich schließlich hier! Mikael (der Schwede) lässt sich mehr und mehr zurückfallen, da ich ihm zu schnell sei. Ich solle besser alleine weitermachen. Ich verabschiede mich mit denselben Worten wie gegenüber der Schweizerin: „Hey we will see us in Chamonix at the Finishline“. Klatsche fest ein und gehe dann alleine meiner Wege durch die finstere Nacht. Ach ja, wer sagt, dass man bei einem Ultra mit Schlafentzug halluzinieren muss? Mythos? Nein, doch, aaaahhh. Mit blauem Licht, einem fernsehenden Kind im Kopf laufe ich in TRIENT ein. Grauslich diese Bilder, weiß aber, dass diese nicht echt sind….

UTMB 2021: Finish, finito und fertig und aus!

In TRIENT habe ich meinen ganz individuellen Spaß. Denn ich bin der Einzige, der zu Hulapalu von Gabalier mitsingt. Zugegeben, ich bin vermutlich auch einer der Wenigen, der dieses „Scheißlied“ überhaupt kennt und es in der Nacht in TRIENT mitträllern kann. Eine Supporterin spricht mich an, dass ich gut ausschaue und das mich das Ziel schon erwartet. Warme Worte, die mich freuen und zugleich motivieren. Im Gegensatz zu mir sehen die meisten Läufer, die hier um 4 Uhr in der Früh herumlungern eher nicht so super aus. Ab hier sind es nur mehr zwei Gipfel. Und ich will so viel wie nur möglich an Strecke bergauf noch in der Nacht machen. Ich freue mich unglaublich auf den baldigen Tagesbeginn, der mir für gewöhnlich immer neue Kräfte und einen ordentlichen Schub nach vorne beschert.

© Florian Haiminger / FLASH-SPORT

Diesmal leider nicht, ich werde unendlich müde und so laufe ich auch mit recht schweren Beinen in VALLORCINE ein. Egal denke ich jetzt könnte ich alles gehen und komme ins Ziel! Pushe mich selbst noch einmal, ziehe die Regenhose und die Handschuhe aus und gehe wieder raus, um weiterzulaufen. Aber nein, selbiges Szenario wie in LE CHAPIEUX. Nein, ich ziehe mir jetzt definitiv nicht wieder alles an, schwöre ich mir. Ich gehe/laufe, dass mir irgendwie warm wird. Doch leichter gesagt als getan. Über 1h und 20min wärme ich meinen Körper nicht wirklich auf. Erst beim letzten Aufstieg nach TETE AUX VENTS sorgen die Sonne für die nötige Wärme.

Jetzt denke ich geht’s gemütlich dahin! DENKSTE du DEPP – 8 km technische Querung nach LA FLEGERE liegen vor mir, die ich nur mehr im Überlebensmodus und mit voller Konzentration hinter mich bringen muss, damit ich nicht stürze! Zweimal legt es mich trotz aller Vorsicht ordentlich lang. Beide Male hätte es auch schlecht ausgehen können, aber ich hatte Glück. Denn so müde war ich noch nie, und der Weg macht mich mental absolut fertig und verlangt jede Menge Körner. Irgendwann bin ich dann aber trotzdem in LA FLEGERE und feiere/tanze mit den Geigern, die dort aufspielen.

Bin ich schon wahnsinnig geworden? Scheinbar schon, denn wider besseren Wissens riskiere ich einen Hungerast, esse nur eine halbe Banane und fülle etwas Wasser auf. Dann geht’s weiter, auf meinen 8 km Zieleinlauf – Finale! Es ist heiß, ich fühle nichts und ich bin komplett leer. Den letzten flachen Kilometer ins Ziel mache ich aber immerhin noch in einer 5:10er Pace. Danke an den Freiwilligen, der mich dazu angespornt hat. Als ob meine Muskeln nicht ohnehin schon übersäuert genug gewesen. Keine 100 Meter vor dem Ziel erwartet mich Arnold mit seiner GoPro und lässt es sich nicht nehmen, gemeinsam mit mir den UTMB 2021 zu finishen. Ich bin überglücklich, bedanke mich bei den Zuschauern und bei Arnold – Wahnsinn, was für eine Stimmung. Schmerzen? Habe ich direkt nach dem Rennen keine, aber das wird sich in den nächsten 1-2 Tagen mit Sicherheit noch ändern. Aber das ist eine andere Geschichte.

Text: Florian Haiminger