Ratgeber – Österreichischer Alpenverein (ÖAV): Gewitter am Berg – 5 Tipps zur Risikominimierung bei Blitz und Donner

von | 04. August 2021 | Allgemein, Outdoornews, Ratgeber

Die Bilder von den Überschwemmungen in Nordrhein-Westfalen, im Berchtesgadener Land und in anderen Regionen Europas sind noch allgegenwärtig: Muren, Starkregen und golfballgroße Hagelkörner verwüsteten ganze Landstriche, ein Tornado fegte über Süd-Tschechien und in Kanada erreichen die Temperaturen fast 50°C. Solche extremen Wetterphänomene treten aufgrund des fortschreitenden Klimawandels immer häufiger auf. Teil dessen sind auch starke Gewitter mit Blitz und Donner, die in den Alpen vor allem in den Sommermonaten für jede Menge Gefahrenpotenzial sorgen. Doch was tun, wenn man einmal unterwegs plötzlich von einem Unwetter überrascht wird? Denn neben Unterkühlung und dem sturzflutartigen Anschwellen von Gebirgsbächen steigt auch die Gefahr von Blitzschlag. Der Österreichische Alpenverein (ÖAV) gibt euch wertvolle Tipps, worauf man im Fall des Falls achten sollte und wie ihr das Verletzungsrisiko bestmöglich reduzieren könnt.

Eine sorgfältige Tourenplanung und die Beobachtung der Wolkenbildung sind das A und O

Wer sicher am Berg unterwegs sein und einem Sommergewitter gezielt aus dem Weg gehen will, sollte möglichst früh aufbrechen und eine Tour rechtzeitig beendet haben, bevor sich am Himmel etwas zusammenbraut. Denn die Gewittergefahr steigt in der Regel im Verlauf des Tages kontinuierlich an. Wobei vor allem an den höchsten Punkten am Berg, also zumeist die Gipfel, ein erhöhtes Risiko bergen. Wer also sichergehen sollte, plant eine Tour möglichst unter Berücksichtigung der zuvor genannten Faktoren und mit Hilfe einer Plattform wie alpenvereinaktiv.com, um früh genug wieder im Tal oder in einer Schutzhütte zu sein.

Darüber hinaus sollte man bereits vor dem Start einen qualitativen Wettbericht (bspw. vom Deutschen Wetterdienst oder das Bergwetter der Alpenvereine) studieren und auch unterwegs stets die Entwicklung des Wetters sowie die Wolkenbildung im Blick behalten. Bei einer Wettprognose handelt es sich aber immer nur um eine Wahrscheinlichkeit. Soll heißen: Das Gewitter kann auch deutlich früher aufziehen als ursprünglich angenommen. Deshalb lohnt es sich immer, auch die Entwicklung der letzten Tage zu berücksichtigen und auch unterwegs ständig die Wetterentwicklung zu beobachten. „Haben sich aufbauende Quellwolken von Tag zu Tag früher gebildet und gibt es am Tourentag schon in den Vormittagsstunden Haufenwolken, kann man bereits am frühen Nachmittag mit Gewittern rechnen“, weiß Michael Larcher. Grundsätzlich empfiehlt der Leiter der Abteilung Bergsport beim Alpenverein: „An labilen Tagen sollte man besser auf lange Bergtouren und Aktivitäten mit Stahlseilversicherungen wie bspw. Klettersteige an ausgesetzten Graten und mit exponierten Gipfeln verzichten“.

Was tun, wenn man vom Gewitter am Berg überrascht wird?

Akute und eindeutige Alarmzeichen für ein schnell aufziehendes Gewitter sind turmartig und ambossförmig aufgebaute Gewitterwolken. Kommen dann noch böig auffrischender Wind und elektrische Ladungen (Surren) in der Luft dazu, ist Eile geboten. Als Faustregel gilt: Die ungefähre Entfernung vom aktuellen Stanort bis zu einem Gewitter in Kilometer lässt sich ganz einfach berechnen, indem man die vergangenen Sekunden zwischen Blitz und Donner durch den Faktor drei dividiert. Beträgt die Zeitspanne zwischen Blitz und Donnergrollen etwa zehn Sekunden, befindet sich das Zentrum des Unwetters gerade einmal rund drei Kilometer entfernt. Spätestens dann ist es allerhöchste Zeit, eine Schutzhütte aufzusuchen, zügig abzusteigen oder wenn dafür die Zeit nicht mehr ausreicht, entsprechende Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Wer doch einmal von einem Gewitter überrascht wird, kann mithilfe einfacher, aber effektiver Verhaltensregeln das Verletzungsrisiko erheblich reduzieren:

  1. So schnell wie möglich ausgesetzte Grate und alleinstehende Erhebungen wie Gipfelkreuze und/oder Felstürme verlassen.
  2. Von Stahlseilen entfernen und – falls möglich – größere Felshöhlen zum Schutz aufsuchen, wobei man aber einen Abstand von mindestens 1,5 m zur Felswand einhalten sollte.
  3. In Kauerstellung auf Rucksack oder Seil hockend, um eine mögliche Schrittspannung zu vermeiden, wird auf das Ende des Gewitters gewartet.
  4. Im absturzgefährdeten Gelände, z. B. im Klettersteig, sollte man stets gesichert bleiben!
  5. Gegen Nässe und Auskühlung schützen Biwaksack und Funktionsbekleidung.

Gewitter sind häufig mit Starkregen verbunden, wodurch binnen kürzester Zeit können selbst in Felswänden gefährliche Sturzbäche entstehen können und Steinschlag ausgelöst wird. hinzu kommt die Gefahr, einer völligen Durchnässung und der damit einhergehenden Unterkühlung. Besonders problematisch wird es, wenn man sich in alpinen Kletterrouten oder auf einem Klettersteig befindet. Wer hier einen trockenen Platz findet, sollte lieber dort verweilen, anstatt hektisch in Richtung Ausstieg zu klettern und unterwegs Fehler zu begehen oder am Ende dann gänzlich ohne Schutz zu sein.

Welche Gewittertypen können am Berg auftreten?

Grundlegend können zwei verschiedene Gewittertypen unterschieden werden: Das Frontgewitter, welches mit einer Kaltfront (und evtl. folgendem Wettersturz) auftritt. „Solche Frontgewitter haben meist eine eindeutige Zugbahn und treten großflächig auf. Dieser Gewittertyp ist nie überraschend und kann hinsichtlich seiner Ankunftszeit meist gut vorhergesagt werden“, verrät Michael Larcher. Ein Wärmegewitter hingegen tritt vor allem in den heißen Sommermonaten und während Schönwetterperioden auf, wobei der Juli zu den gewitterreichsten Monaten zählt, dicht gefolgt von August und Juni. Umso wärmer die Temperaturen, desto mehr Wasserdampf wird durch die Luft aufgenommen und desto leichter können sich Gewitter entwickeln.

Aus diesem Grund dürfte also der zu beobachtende Klimawandel dazu beitragen, dass Wärmegewitter als Wetterphänomen in Zukunft immer häufiger auftreten werden. Typischerweise nimmt die Gewitterneigung während einer Schönwetterperiode von Tag zu Tag weiter zu. Die Beobachtung der Wolkenbildung gibt Aufschluss über die Gewitterneigung: Wachsen sich anfangs kleine Haufen- bzw. Schönwetterwolken innerhalb kürzester Zeit zu immer größer werdenden Quellwolken und schlussendlich zu Wolkentürmen (evtl. sogar mit Ambossbildung) aus, sind dies eindeutige Zeichen für ein aufziehendes Gewitter. „Im Gegensatz zu Frontgewittern treten Wärmegewitter meist am späten Nachmittag oder Abend sowie lokal begrenzt auf. Auch ist ein Wärmegewitter kein Indiz für eine nachhaltige Wetterverschlechterung“, so der Experte vom ÖAV.

Quelle: Österreichischer Alpenverein (ÖAV)